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In einem Reiseführer von 1907 heißt es: „In seiner geschmackvollen Ausführung beherrscht es nicht nur die ganze Umgebung, sondern es übt auch für Vornehme und Geringe gleiche Anziehungskraft aus.“ Ein Gemisch aus mehreren Stilformen kennzeichnet das zweigeschossige Kurgebäude mit dem mächtigen, an eine Burg erinnernden Aussichtsturm. Zu beachten ist die original erhaltene mehrfarbige Dacheindeckung und zahlreiche originelle Dachaufbauten.
Text von Gerhard Lemke: Geschichte des Ortes Wölpinghausen (Dorfbuch Wölpinghausen), in drei Bänden. Stadthagen 1968 (unveröffentlicht), Rinteln 1996, überarbeitet von Theodor Beckmann.
Wie eine kleine Burg ragt das Matteschlößchen mit seinen Türmen und Zinnen auf dem höchsten Punkt des Ortes am Waldrande aus der Landschaft. Alle Ausflügler und Gäste, die aus der Richtung Bergkirchen kommen schauen es so.
Eine am Gebäude eingelassene Tafel berichtet, dass der in Bad Rehburg tätige Spezialarzt für Lungenkranke Dr. Lehreke das "Matteschlößchen" im Jahre 1898 erbauen ließ. Nach mündlichen Berichten war es seine vermögende Frau, die den Bau finanzieren konnte. Der Grund und Boden dazu wurde von Eigentümern des Ortes erworben. Der eigentliche Bauplatz, auf dem die Gebäude und der Hof errichtet wurden, war ursprünglich ein Garten der Hofstätte Nr. 56 (Brinkmann). Er war von einer hohen Hecke umgeben gewesen. Im Winkel zwischen den alten Schulgrundstück (jetzt Nr. 107) und dem heutigen Lehrergarten lag damals eine Weide, die zu der Stätte Nr. 17 gehörte: "Schoupneestes Krümpel". Diese wurde damals zum Park gestaltet.
Am Nordhang des Berges unterhalb des Bauplatzes bestand eine weitere Viehweide, die zur Stätte Nr. 21 gehörte. Daraus wurden ein Garten und ein Ackerstreifen. Diese Weide ist deshalb erwähnenswert, weil sie die Flurbezeichnung "Matte" führte und den Anlass gab zur Wahl des Namens "Matteschlößchen".
Weiter unterhalb dieser "Matte" lagen einige Ackerstreifen (Weide zur Stätte Nr. 21), die entgegen der sonstigen Beackerungsweise im Dorfe nicht hangabwärts, sondern quer zum Hang gepflügt wurden. Daher hatten sie den Flurnamen "Bocks Tweern" (quer über) erhalten.
Für die Gäste der frühren Zeit, die von der Meerbahn in Wiedenbrügge zum Matteschlößchen kamen, führte ein Wanderweg, der die Straße bei der Stätte Nr. 59 verlassend, hangaufwärts in den Park des Lokals.
Das Nutzungsrecht dieses Weges zum Matteschlößchen war später als besonderer Gerechtsame des Gastbetriebes grundbuchamtlich gesichert worden. Da dieser Weg längs "Bocks Tweern" führte, bildete sich dafür der Name "Tweern". Irrtümlicherweise wurde dieser Name mit "Zwirn" ins Hochdeutsche übertragen.
Anfangs nach der Errichtung des Matteschlösschens war dieses als ein gut erreichbares Wanderziel nur für die Lungenkranken aus Bad Rehburg gedacht. Sie sollten möglichst oft zu einem Spaziergang durch die sauerstoffreiche Waldluft veranlasst werden. Das Matteschlößchen sollte ihnen vor dem Rückwege eine Pause gestatten und Gelegenheit zu einer Erfrischung bieten. Aus diesem Grunde hatte das Matteschlößchen in der Hauptsache Gasträume erhalten und nur wenig Wohngelegenheit für die Familie des Hausverwalters Nölke, die im Kellergeschoß und einigen Bodenräumen untergebracht war.
Im Hochparterre befand sich der größte Raum. Wie noch heute gelangte man über eine Freitreppe in den Festsaal, der an den Längsseiten mehrere geschlossene Nischen hatte.
Die große Freitreppe
Die gotisch geformten Fenster des Saales und die der Nischen waren bleiverglast, zum Teil mit farbigem Glas. Die Wände des Festsaales waren mit alten Waffen verziert: Gewehre, Pistolen, Degen u. a. m. In die Rückwand war ein altertümlicher Kamin eingebaut, der die Stimmung im Raum, durch gedämpftes Licht erzeugt, noch romantischer gestalten half.
Zu beiden Seiten des Kamins hingen die Bilder des bekanntesten schaumburg-lippischen Landesfürsten, des Grafen Wilhelm und seiner Gemahlin.
Erst nach Jahren, als das Gebäude verlängert wurde, entstand ein zweiter Gastraum dahinter. Ursprünglich war hinter dem Festsaal nur ein Treppenhaus, durch das die Gäste mittels Wendeltreppe zu einer Aussichtsplattform steigen konnten, die auf dem Dach um ein Türmchen herum angebracht war.
Große Aussicht auf das Schaumburger Land
Einen noch besseren Rundblick bot der ca. 15 m hohe Aussichtsturm, der neben dem Hauptgebäude errichtet war. Beide waren durch einen überdachten Quergang verbunden. In einem Anbau am Turm wand sich eine Treppe in die Höhe. Im ersten Stockwerk konnte man schon auf eine Aussichtsplattform treten, die sich über dem Quergang befand. Nach dem Walde zu erhob sich eine burgartige Quermauer, die mit Scharten versehen war. Heute sind diese Scharten zugemauert und die Plattform zu einem Zimmerchen ausgebaut. Von dieser ehemaligen Plattform konnte man ein Turmstübchen betreten, das nach Osten hin einen überdachten balkonartigen Vorbau hatte. Dieses besteht heute noch.
Zum Besteigen des eigentlichen Aussichtsturmes mussten die Gäste die Fortsetzung der angebauten Treppe benutzen. Erst vom Stockwerk über dem Turmstübchen führte die Treppe im Innern des Turmes zu der oberen Aussicht. Dort befanden sich nach vier Richtungen hin balkonartige Vorbauten, von denen man bei klarem Wetter 92 Ortschaften sehen konnte.
Der Aussichtsturm endet oben in einem ganz schlanken Türmchen mit einer Fahnenstange. An jeder der vier Ecken erheben sich gleichfalls winzige Türmchen. Das Regenwasser leiten vier drachenförmige Wasserspeier weit vom Bauwerk fort. Wahrscheinlich befand sich auch eine Sonnenuhr an der südlichen Turmwand.
An der fensterlosen hohen Nordwestwand des Turmes - dem Walde zu - ist im Mauerputz ein Bild eingegraben: Ein Frosch, der wie ein Fuhrmann auf einem Schneckenhause sitzt, mit Peitsche und Leine in der Hand die ausgestreckte kriechende Schnecke zügelnd.
Die Froschbuben rauchen heimlich?!
Am gedachten Wegrande steht ein Storch, der dem sonderbaren Fuhrmann nachschaut. Weiter unten an der Wand erkennt man noch ein Marienkäfer - ebenfalls in den Putz gegraben. Nur ein aufmerksamer Besucher wird das der Verwitterung preisgegebene Bild entdecken.
An dem Gesamtbauwerk des Matteschlösschens lässt sich kein einheitlicher Baustil erkennen, doch erinnert so manches an eine Burg, die auf dieser Anhöhe ihren Platz gehabt haben könnte, Doch ist durch verbürgt, dass der ganze Bau im Jahre 1898 neu errichtet wurde.
Als der Erbauer Dr. Lehreke seine Stellung aufgab und Bad Rehburg verließ, übernahm der bisherige Hausverwalter das Anwesen. Dadurch wurde es zu einer öffentlichen Gaststätte. Im Laufe der Jahrzehnte wurde aus Zweckmäßigkeitsgründen manches erweitert und umgebaut, wie schon oben berichtet. Doch ordentlicher Wohnraum und oder gar Unterkunft zur Beherbergung von Gästen ist im Gebäude nicht entstanden.
Um Feriengäste aufnehmen zu können, kaufte der Besitzer Nölke die "Alte Schule" (Nr. 107), nachdem im Jahre 1908 die "Neue Schule" bezogen worden war. Im "Matte-Heim", wie die ehemalige Schule genannt wurde, waren zeitweise 10-15 Gäste untergebracht. Ein Fußweg führte sie durch den Park zu den Räumen des Matteschlösschens, wo sie verpflegt wurden.
Während der Kriegsjahre 1914-18 und in den ersten Nachkriegsjahren blieben die Gäste aus. Da wurde das "Matte-Heim" verkauft.
Um dann Sonntagsgästen den Aufenthalt beim Matteschlößchen angenehm zu gestalten, wurden die Parkanlagen und Wege sauber gepflegt, zwischen den Gebüschen Nischen geschaffen und an der Hangseite mit dem Blick zum Steinhuder Meer mehrere Terrassen in verschiedenen Höhen angelegt.
Zur Unterhaltung der Gäste konzertierten Kapellen, bei besonderen Anlässen auch Militärkapellen aus Bückeburg oder gar aus Hannover. Das geschah vor allem zur Pfingstzeit. Die Sonntagsgäste - besonders zahlreich waren die Hannoveraner vertreten - kamen damals mit der Meerbahn bis Wiedenbrügge gefahren, wanderten eine halbe Stunde lang durch Felder auf der Straße von Wiedenbrügge her und erstiegen die Höhe zum Matteschlösschen auf dem "Tweern"".
Gemütliches Plätzchen zum Entspannen
Nach einer Rast bei einer Tasse Kaffee ging die Wanderung, vorbei am Wilhelmturm, durch den Wald nach Bad Rehburg, um von dort am Abend mit der Meerbahn nach Hause heimzukehren.
Manche Gäste wählten die Tour am Sonntagnachmittag auch wohl in umgekehrter Richtung. Zu jener Zeit, als weder ein Bus oder ein PKW, sondern nur die Steinhuder Meerbahn benutzt werden konnte, hatte das Matteschlößchen stets regen Besuch und seine besten Zeiten.
Auch nach dem 1. Weltkriege, als ein vermögender Schneidermeister Lohse (er besaß 2 Mietshäuser in Hannover) Besitzer des Matteschlößchen wurde, galt die Gaststätte als lohnendes Ausflugsziel; es war weit über die Grenzen Schaumburg-Lippe als höchster Punkt über dem Steinhuder Meer bekannt und berühmt. Wenn es zur Winterzeit stiller wurde, versammelte sich nur die einheimische Jugend an den Abenden zum Tanz; dann spielten aus der näheren Umgebung Musiker auf.
Nach 1945 zeichnete sich allmählich eine andere Entwicklung ab. Der Besitzer Lohse - alt geworden - verbrachte noch seinen Lebensabend in einigen Räumen und verpachtete den Gastbetrieb an Witte.
Doch die Art, Sonntagsausflüge zu machen, änderte sich bald durch die Beweglichkeit des Einzelnen mittels PKW und in Gruppen mittels Bus. Wie Falter, die von einer Blüte zur andern eilen, so kehrten die Sonntagsgäste nur kurz ein, machten allenfalls noch eine Wanderung zum Wilhelmsturm und setzten ihre Fahrt fort. Doch da sie nicht an die Schiene der Meerbahn gebunden sind, gibt es der Einkehrmöglichkeiten viele und die Berggaststätte "Matteschlößchen" war nur eine davon.
Nach Meinung der Pächter - im Laufe der Jahre sechs - war unter diesen Umständen die Pachtsumme zu hoch. Darunter litt die Pflege der Anlagen, und nur die dringendsten Reparaturen an den alternden Gebäuden wurden durchgeführt. In immer kürzeren Abständen wechselten die Pächter - entweder nach vorzeitiger Kündigung des Vertrages oder gar, weil sie mit der Pachtsumme in Verzug geraten waren. Im Jahre 1961 ließ ein Pächter noch die oberste Terrasse im Winkel zwischen Turm und Hauptgebäude überdachen, um auch bei weniger günstigem Wetter Gäste aufnehmen zu können; aber der Erfolg blieb aus.
Schon um 1960 liefen Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft - der alte Lohse war 1955 gestorben - über den Verkauf des gesamten Besitzes; doch fand sich kein Käufer, der den hohen Kaufpreis aufbringen konnte.
Im Jahre 1962 wurde darum der Plan gefasst, den großen Besitz in zwei Teile zu zerlegen:
a) Die Gaststätte mit den notwendigsten Anlagen ringsherum und
b) den östlichen Parkteil mit den übrigen Ländereien.
Für den verkleinerten Besitz der Gaststätte fand sich nun ein Käufer: Kaufmann Albrecht aus Hamburg. Den andern Teil übernahm die Gemeinde Wölpinghausen als Siedlungsgelände.
1962, Teilung des Grundstückes und Lohse verkauft den unbebauten Teil an die Gemeinde Wölpinghausen als Siedlungsgelände.
1962, Kauf des Gebäudes von Kaufmann Albrecht.
1973, Kauf des Gebäudes von Lehrer Cord Busche zwecks Errichtung eines Kinderheimes.
1974, Busche verpachtet die Gaststätte und verkauft sie später
70ziger und 80ziger Jahre: Das Gebäude wechselt mehrmals den Besitzer bis schließlich ein Käufer aus Berlin das Haus erwirbt und als Wohnhaus mit künstlerischem Atelier ausbaut. Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz und kann öffentlich nur von aussen besichtigt werden.


Quelle: Spurensuche Seeprovinz + Poster: Bauen mit Stil |